EDUARD ERDMANN – OPERETTE „DIE ENTSPRUNGENE INSEL“ (1926)

Erstmals Ausschnitte aus der Operette „Die entsprungene Insel“ präsentiert

Großes Interesse an Veranstaltung am 7. Juni auf dem Museumsberg Flensburg

Erstmals wurden am 7. Juni 2015 auf dem Museumsberg Flensburg Ausschnitte aus der Operette „Die entsprungene Insel“ von Eduard Erdmann präsentiert. Die Veranstaltung der Eduard-Erdmann-Gesellschaft fand im Rahmen des 83. Tages für Denkmalpflege statt. In der bis auf den letzten Platz besetzten Aula des Hans-Christiansen-Hauses gaben Vladimir Stoupel, Klavier und künstlerischer Leiter, sowie Anna Gütter (Sopran), Dirk Mestmacher (Tenor) und Jiri Rajnis (Bariton) einen Einblick in das als Revue angelegte Werk, das noch auf seine Uraufführung wartet. Im Rahmen der Veranstaltung wurden auch Materialien zum mit Figurinen des Stücks von Hans Holtorf (1925) szenisch ausgemalten Gartenpavillon in Langballigau an der Flensburger Förde gezeigt. Weitere Informationen finden sich auch unter www.erdmanninsel.de

Erläuterungen

Im Mai 2013 habe ich etwa drei Stunden lang die Operette von Eduard Erdmann (1896-1958) “Die entsprungene Insel” (1926) nach dem Libretto von Gustav Specht im Archiv der Akademie der Künste in Augenschein genommen. Die Operette liegt dort als Klavierauszug-Manuskript vor. Die Qualität des Werkes, wie auch die Genauigkeit des Schreibstils und der Unterhaltungswert des Stückes sind faszinierend! Obwohl Erdmann ein “ernsthafter” und im Berlin der Zwanziger Jahre sehr bekannter und erfolgreicher Komponist war – seine Werke wurden von den Berliner Philharmonikern gespielt -, fühlte er sich von der unterhaltenden Musik der Goldenen Zwanziger mitgerissen; er schätzte Friedrich Holländer und Leo Fall, lernte bei Heinz Tiessen den später berühmt gewordenen Filmkomponisten Richard Heymann kennen, interessierte sich für George Gershwin und den Jazz und ließ sich dadurch zu eigenen Kompositionen inspirieren, wie zu dem Dollarlied (1921), dem FOX TROT (1923), und vor allem zu der Operette “Die entsprungene Insel“. Genauso wie seine Symphonien, ist die Operette ein akribisch durchgearbeitetes Werk. Erdmann komponierte mehrere witzige Nummern im Chanson-Stil wie z.B. das Petroleumquintett im Walzertakt als Couplet mit Refrain, wie auch den Stampfchor mit Ähnlichkeiten zum FOX TROT und Dollarlied. Ein schneller Wiener Walzer durfte auch nicht fehlen, mit der Anmerkung “frei nach Richard Strauss”!

Die Thematik des Stückes dreht sich um die Kunst – schließlich hat ein Theater Schiffbruch erlitten und landet auf einer plötzlich aufgetauchten Insel -, um die damalige extrem komplexe politische Lage und auch um das Geld (der Herr Direktor zahlt der Statistenbagage die mindestmindeste Mindestgage…). Kurz gesagt präsentiert die Operette in einer extrem witzigen und komprimierten Form die Atmosphäre der Goldenen Zwanziger, wobei einige Personen mit Berliner Akzent ausgestattet sind und der allgemeine Berlin-Bezug sich an vielen Stellen bemerkbar macht.

Die Operette ist dem großen Pianisten Artur Schnabel gewidmet. Diese Widmung ist das Ergebnis einer tiefen Freundschaft, gleichwohl aber auch einer Auseinandersetzung zwischen Erdmann und Schnabel. Schnabel, der die Auffassung vertrat, dass sich Erdmann – übrigens genau wie Krenek – nicht in die „Niederungen der Unterhaltungsmusik begeben“ sollte, war von der Operetten-Idee zunächst nicht überzeugt. Ernst Krenek berichtete über die gemeinsamen Gespräche: “Soweit sie die Musik betrafen, drehten sie sich ausschließlich um Kompositionsprobleme. Auf Jahre hinaus betrachtete ich Erdmann und Schnabel als Komponisten, die sich ihren Lebensunterhalt durch Klavierspielen erwerben mussten.”

Es ist auf jeden Fall bemerkbar, dass die Operette am Klavier geschrieben wurde; Erdmann schrieb auch einige Angaben zum Orchester (Bläser, Harfe, Klavier, Schlagzeug), da er die Operette unter dem Pseudonym “Franz Leisnickel” noch instrumentieren und auf die Bühne bringen wollte.

Dazu kam es aber nicht, obwohl der Maler Hans Holtorf schon am Bühnenbild und an den Kostümen gearbeitet hat. Offensichtlich hat die damalige politische Lage die Uraufführung verhindert. Meine Recherchen haben soweit ergeben, dass es bis dato keine Aufführungen der Operette gab.

Die Musiksprache von Erdmann ist etwas ganz besonders, denn sie weist eine eigentümliche Mischung aus Nostalgie und Moderne, Trauer und Humor mit einer Prise slawischer Tonsprache auf. Die Spieldauer – je nach Länge der gesprochenen Texte, die in der damaligen Operettentradition der jeweiligen politischen Lage angepasst werden könnten – liegt bei etwa 2 Stunden und ist daher abendfüllend.

Vladimir Stoupel, Berlin, im Mai 2015